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Ich würd’ so gern noch Hure bleiben. Ein kleines Weilchen nur. Ein bisschen. Und trotzdem ich Hure bin, wacht die Mutter über mich. Mahnend und makellos. Und du schützt dich vor ihr, genau wie ich. Unsere Protektion, dünn wie das Häutchen, das sich auf erkaltender Milch bildet, hat die leidenschaftliche Zerreißprobe nicht bestanden. Frei nach Leonard Cohen schießt es mir in den Kopf: „Ring the bells that still can ring. Forget your perfect offering. There is a crack in everything. That’s how the [life] gets in.“ Welches Leben ich nun genau in mir trage, weiß ich nicht. Womöglich hast du nun die Hure, deine Mutter, geschwängert und womöglich werde ich nun meine, eine, eigene Mutter. Elisabeth Gross on Julia Kristeva: Das Austragen des Kindes beinhaltet eine Aufhebung subjektiver Autonomie und bewusster Kontrolle: „pregnancy occurs at the level of the organism, not the subject.“ Der Unterleib schwemmt entweder Tod oder Leben aus sich heraus. Entweder nach einem Monat oder nach neun Monaten. Aus Blut, Eiter, Lymphe, Urin, Kot, Schweiß und Speichel, lässt sich nichts mehr produzieren, was der Reproduktion dienen könnte. Und dennoch: Where there is no blood there is no life. Blut gehört zum Leben genauso wie der Tod. Du kannst all die kleinen Tode beweinen, die dir schmerzende Freude bereiteten. Du kannst dich reinwaschen und erlösen durch deine Tränen. Beneiden kannst du den Organismus, der selbst kein Leben austragen kann, um seine Autonomie und Kontrollierbarkeit. Doch Wahrheit gibt es nur in der Verwirrung einer Ordnung und nur dann, wenn Antrieb dieser Verwirrung das Begehren ist, heißt es in der Metaphysik der Hure. Genau wie sie, ist auch er Hure. Ich: Hure, Du: Hure, wir huren. Trotzdem wir Huren sind, sind wir nackt und ungeschminkt. Unsere Spiegelkörper projizieren gleichermaßen, was wir glauben zu sein und was wir sein könnten. Unser Blick wird verrückt, verändert sich. Ich als dein Inneres, weil ich dich umschließe und du als mein Äußeres, weil du in mir bist. Ein Spiel mit nur einem Akt: Warm und weich rinnt es in sie hinein, es breitet sich aus im Mutterleib der Hure. Schmiegt sich an, kleidet sie ganz aus. Sie, aufrecht stehend, der warme Strom ihr sanft entgleitend sagt ihr Adieu. Aus ihr heraus tropfen die Tränen der Hure, rekapitulierend vor der Zeugungshoheit. Die Heiligsprechung der Hure zur Mutter in einer biochemischen Zeremonie, die die Tausendschar potentiellen Lebens in sich trägt. Der schutzgebende Leib für das abgestoßene Material, aus dem Lebensträume sind. Rauschhaft reagieren die Substanzen tanzen adrenalingetränkt, ein Urknall, weißes Licht, dunkler Raum, dokumentarische Zeitlupenästhetik im Unterleib. Zwischen Mutter und Hure sein, ein kleines Weilchen nur, ein bisschen, einen Augenblick. Viel lieber würde ich mich als Hure selbst gebären, ein Hurenkind. Sowieso blättere ich immer viel zu viel zurück, in der Hoffnung auf…, bei der Suche nach… – ja, was denn eigentlich?